Die deutschsprachige Community für ATARI Homecomputer

Ein User des atari-home.de Forums hat einen sehr ausführlichen und objektiven Bericht über den Status Quo des Firebee-Projektes verfasst und seine Erfahrungen niedergeschrieben. Diesen wollen wir euch natürlich nicht vorenthalten. Die nachfolgenden Äußerungen spiegeln nicht die Meinung des Teams von atari-home.de wider.

 

Es ist schon erstaunlich wie die Leute reagieren, wenn man ihnen sagt, dass man sich einen neuen Computer aus der Schweiz gekauft hat bei dem es sich praktisch um einen neuen „Atari“ handelt.

Die meisten verbinden Atari immer noch mit dem Videospiel Atari 2600 VCS, einigen wenigen fällt vielleicht noch der Atari ST ein, aber die allerwenigsten können sich unter TT, Falcon, oder gar den Clones wie Hades, Medusa oder Milan etwas vorstellen. Letzterer erblickte vor 14 Jahren (1998) das Licht der digitalen Welt, der damalige Hoffnungsträger der TOS-Gemeinde (TOS- so nennt man das fest im ROM eingebrannte Betriebssystem der Atari Rechner) verschwand aber dann recht schnell in der Versenkung und der lange angekündigte Milan 2, der eventuell sogar auf dem professionellen Markt Abnehmer gefunden hätte, erschien leider nie.

In den frühen Jahren dieses Jahrtausends wurde das Atari Coldfire Projekt ins Leben gerufen. Nachdem der Motorola Coldfire v4e der Nachfolgechip für den 68060 ist und viele Maschinenbefehle mit diesem teilt, erschien es nur logisch diese CPU in zukünftigen TOS Rechnern einzubauen, da alle bisherigen Modelle ja auf der Motorola 68000er Familie basierten.

Leider hörte man viele Jahre nichts mehr vom Atari Coldfire Projekt (ACP) und als 2008 dann plötzlich wieder Gerüchte über einen neuen Atari Clone aufkamen wurde das von der Atari Szene durchaus mit gemischten Gefühlen aufgenommen, vor allem als bekannt wurde, dass es eben ein Coldfire Rechner mit 233 Mhz werden würde. Viele fanden das nicht mehr zeitgemäß und wünschten sich zumindest einen PowerPC oder gar einen x86er als Herz der Maschine. Diese Stimmen sind auch heute noch nicht gänzlich verstummt, denn ihre Leistungsfähigkeit muss die Firebee erst einmal unter Beweis stellen, nicht zuletzt weil die aufgebohrten Atari Falcon Maschinen heute mit ca. 100 Mhz laufen und teilweise mit Grafikkarten betrieben werden, die sie schon auf ein eindrucksvolles Leistungsniveau anheben.

Seit diesem Jahr (2012) gibt es die Firebee als exklusive Alpha- Edition, auf Wunsch mit einem schicken Alu- Gehäuse, für praktisch jeden unter http://acp.atari.org zu kaufen. Mit einem Preis von 599,- EUR ist das Gerät für Einsteiger zwar nicht gerade günstig, bedenkt man allerdings dass man derzeit ca. 300,- EUR für einen nackten gebrauchten Atari Falcon hinlegen darf (z.B. bei eBay), bei dem dann in aller Regel noch allerhand zu machen ist um ihn auf Vordermann zu bringen, so ist die Firebee als neues Gerät mit 2- jähriger Gewährleistung über die renommierte Hardwareschmiede MCS – Aschwanden (Medusa/Hades) geradezu ein Schnäppchen.

Neben dem gesteckten Ziel eines Tages einen Atari Falcon vollständig ersetzen zu können, beansprucht das ACP für sich auch mit der Firebee einen Computer für jeden Tag entwickelt zu haben, der irgendwann einmal (weitestgehend) den heimischen PC ersetzen kann. Schauen wir uns doch einmal an wie für einen Endkunden die Situation jetzt aussieht:

Wenn man eine Firebee (mit Gehäuse) bestellt, dann bekommt man schick verpackt seine Firebee im Gehäuse geliefert komplett mit einer eingelegten 16 Gbyte Compact- Flash- Karte auf der eine FreeMiNT Installation vorkonfiguriert ist.

Alles andere (Tastatur, Maus, Netzteil (!) und Monitor) muss man sich selber besorgen.

Als erstes habe ich mir von dieser Compact- Flash- Karte ein Backup gemacht um ein Notfallsystem für alle Fälle an der Hand zu haben. Dabei fällt gleich auf, dass es sehr umständlich ist die Compact- Flash-Karte einzusetzen (das Herausnehmen klappt eigentlich recht gut), weil das Board im PCI- Format doch sehr klein bemessen ist und so eine Pfostenleiste stört. Auf der anderen Seite ermöglicht gerade diese kompakte Bauweise den Einsatz der Firebee z.B. über ein PCI- Backplane in einem Tower- PC oder eben „standalone“ in dem Firebee Minicase.

Nachdem das Backup gemacht war und ich die CF-Card wieder reingefummelt hatte, saß ich ersteinmal vor einem schwarzen Bildschirm. Die Firebee hat einen DVI- Ausgang und mit eben diesem hatte ich sie an meinem LG TFT Bildschirm angeschlossen. Erst ein extra gekaufter DVI- VGA Adapter und das Anschließen an den VGA Eingang meines Monitors brachte das gewünschte Ergebnis, nämlich dass die Firebee läuft. Mittlerweile funktioniert sie auch ohne Probleme über DVI. Möglich dass sie zum ersten Konfigurieren erst einmal den VGA Anschluss gebraucht hat (ähnlich wieder Falcon manchmal nur an einem SM-124 ein Bild zeigt wenn mal wieder das NV-RAM zerschossen ist), oder vielleicht liegt es auch einfach an meinem Monitor, der manchmal etwas wählerisch ist. Egal… ich hatte ein Bild und das war was zählt! Begrüßt wurde ich mit einer netten HTML- Seite „Congratulations on your new firebee“, in der die ersten Schritte erläutert werden. Erfreulicherweise ist Netzwerk dank DHCP bereits automatisch eingerichtet, dann gilt es eigentlich nur noch die richtige Auflösung und den entsprechenden Desktop zu selektieren. Thing 1.27, 1.29b und Teradesk stehen hier zur Auswahl. Alles geht schön einfach von der Hand und ist gut erklärt. Ich hab mich für 1024×768 in 16-bit und Thing 1.29b entschieden. Nach einem Neustart musste dann lediglich ein neues Hintergrundbild eingerichtet werden, ansonsten sah der Desktop schon sehr ordentlich aus.

Danach kann man praktisch sofort loslegen. Idealerweise besorgt man sich Software entweder direkt aus dem Internet, oder kopiert sie vom USB- Stick, oder einer SD- Karte auf die Firebee. Hierbei merkt man gleich, dass Netsurf das
Herzstück der Firebee Software ist. Einen solchen Webbrowser hat man auf dem Atari noch nicht gesehen! Selbst komplexe Seiten wie Ebay oder Facebook lassen sich damit optisch ansprechend betrachten und auch die Aufbaugeschwindigkeit ist zufriedenstellend. M0n0 (der Programmierer) hat hier wirklich ganze Arbeit geleistet! In der Praxis konnte ich damit bei Ebay ein Teil für mein Auto ersteigern und dann direkt über Paypal bezahlen. Auch Onlinebanking (Postbank) und der Zugriff auf diverse Internetforen funktioniert damit problemlos. Eben so wie man es von einem modernen Browser her kennt und auch erwartet. Leider gibt es noch keine javascript- Unterstützung, wäre diese noch implementiert dann wäre Netsurf mit Abstand das beste Stück Software das in den letzten Jahren den Weg auf den Atari gefunden hat. Soweit ich weiß wird daran aber fieberhaft gearbeitet, so dass man gespannt sein darf was noch kommen wird! Im Vergleich mit dem CT60 beschleunigten Falcon lässt die Firebee bei Netsurf ganz schön ihre Muskeln spielen: braucht meine CT60 mit 95 Mhz für die Ebay.de Seite 40 Sekunden, macht die Firebee das in 10. Das ist ein akzeptabler Wert, wenn auch natürlich nicht mit aktuellen Windows- Rechnern zu vergleichen. Aktuell hat Netsurf noch den kleinen Bug, dass Dateien lediglich im eigenen Downloadordner abgelegt werden können. Die Versuche mit „save as…“ einen anderen Pfad zu verwenden bringen den Browser zum Abstürzen.

Will man Software nicht aus dem Internet, sondern vom USB- Stick installieren, so ist das problemlos möglich. Anfangs dachte ich, dass die Firebee wohl nicht „Hotplugging“fähig ist, da meine öfter beim Umstecken des USB- Sticks einfror (ich behalf mir damit, dass ich den Stick eben schon vor dem Einschalten angeschlossen hatte), durch Zufall stieß ich aber auf einen anderen Firebee User, bei dem das Einlegen einer SD- Speicherkarte (die der Floppyersatz für die Firebee ist) diese Probleme beseitigt hat. Und tatsächlich, jetzt kann ich alle USB- Sticks und Digitalkameras munter miteinander tauschen und Dateien auf meine Firebee bekommen. Der Schreib- und Lesezugriff auf die USB- Medien erfolgt in ordentlicher Geschwindigkeit. Verwendet man jedoch die SD- Karte dann scheint diese  leider auch geschwindigkeitstechnisch ein Diskettenlaufwerksersatz zu sein… will heißen dass es ewig dauert bis da mal was kopiert ist. Nichtsdestotrotz ist es natürlich praktisch ein bis zu 2 GB großes Floppy zu haben. Da die Software im Internet ja in aller Regel gepackt vorliegt benötigt man natürlich einen entsprechenden Entpacker. Mit Qextract hat die Firebee von Haus aus eine tolle Packershell für nahezu alle gängigen Formate mit an Bord und die Verknüpfungen mit den Dateiendungen sind auch schon erstellt, so dass auch Laien damit zurechtkommen werden. Einziger Kritikpunkt ist, dass die Ausgaben des Packers nicht in die Konsole, sondern direkt auf den Bildschirm erfolgen, was sehr unfertig wirkt und außerdem ist man danach gezwungen, z.B. durch Herumschieben der Fenster den Desktop wieder „sauberzuwischen“. Richtet man toswin2 entsprechend ein, so klappt das natürlich mit den Ausgaben (allerdings bleibt dann die Konsole immer auf dem Desktop, zumindest als Icon, sichtbar).

Von Haus aus hat die Firebee neben dem schon erwähnten Browser Netsurf noch ein FTP- und ein Telnetprogramm dabei, welche einwandfrei ihren Dienst verrichten. Der bekannte Texteditor QED ist ebenfalls installiert, sowie der AHCC Compiler, so dass jemand mit Programmierkenntnissen gleich mit der Entwicklung eigener Software loslegen könnte. Ansonsten laufen auf der Firebee schon zahlreiche altbewährte Atari-Programme (Papyrus, Papillon, Texel), viele GEM- Spiele und seit neuestem auch das Email- Programm Mymail, welches aktuell noch weitergepflegt wird.

Erfreulich ist auch, dass mit Arkanoid schon das erste klassische Atari ST Spiel gepatcht wurde und auf der Firebee problemlos läuft. Allerdings ist hierfür eine Atari Maus und eine Atari Tastatur (z.B. vom Mega ST) erforderlich.

Da bin ich jetzt auch schon bei einem Punkt angelangt, der nicht so erfreulich ist: An der Firebee lassen sich zwar USB- Mäuse problemlos betreiben, bei Tastaturen sieht es aber momentan so aus, dass die SHIFT- Tasten nicht funktionieren. mständlich kann man sich bei Buchstaben zwar mit der CAPSLOCK- Taste behelfen, aber an Zeichen wie „!§$%&/()=“ kommt man so natürlich nicht. So ist man momentan praktisch dazu gezwungen eine alte Atari Tastatur zu verwenden. Bei meiner gehen aber einige Tasten nicht mehr, so dass ich beide angeschlossen haben muss und SHIFT der Atari Tastatur für die USB- Tastatur verwende. Das ist wirklich nervig und sollte schnellstmöglich abgestellt werden!

PS/2 Tastaturen werden momentan leider auch noch nicht unterstützt. Das ist zwar in Arbeit, wird aber mangels Zeit des Entwicklers nicht in absehbarer Zeit in das Firebee-OS integriert sein.

Ein weiterer Nachteil der „Biene“ ist dass derzeit keine Drucker verwendbar sind. D.h. man hat mit Papyrus X zwar ein relativ modernen Office zur Verfügung, kann seine Werke aber nicht ausdrucken ohne hierfür einen anderen Rechner verwenden zu müssen. In erster Linie dürfte das ein „Hardware“ Problem des FPGA sein denn NVDI läuft auf der Firebee, allerdings selbst wenn dieser Hardwarefehler behoben wird beschränkt sich die Auswahl der Drucker auf das was NVDI bietet und die Entwicklung von NVDI ist ja schon lange eingestellt, so dass langfristig eine neue Lösung her muss (Netzwerkdruck?).

Auch multimedial hinkt die Biene noch hinterher, was vor allem daran liegt, dass die Falcon Chips DSP, Blitter und Videl noch nicht (vollständig) durch den FPGA emuliert werden, weshalb die einschlägigen Multimedia Programme nicht darauf laufen. Eine aktuelle Version von Aniplayer ist in Arbeit, mit einer Beta ließen sich problemlos mp3s abspielen, allerdings lässt die Veröffentlichung dieser Version (angeblich auch mit Mpeg-2 Decodierung über die ATI- Radeon) im Auge der Anwender leider schon viel zu lange auf sich warten.

Positiv fällt in diesem Zusammenhang das mitgelieferte „zView“ auf, mit welchem sich Bilder in allen erdenklichen Formaten, sowie PDFs betrachten lassen. In Verbindung mit einer Digitalkamera macht das so schon richtig Spaß. Aber auch hier machen manche PDF- Dokument noch Probleme und zwar in der Form, dass gerade bei graphiklastigen Dokumenten manchmal die Texte „verschwinden“. Aber das Problem ist bekannt und ich bin mir sicher, dass bald eine Lösung gefunden sein wird.

Wenn man bedenkt dass sich die Firebee derzeit noch im Alphastadium befindet, so ist die Maschine derzeit schon wirklich sehr gut nutzbar, von den o.g. Einschränkungen einmal abgesehen. Ich hatte keine Sekunde das Gefühl vor einem unfertigen Computer zu sitzen und das Atari-Gefühl ist immer noch da. Wenn der FPGA erst einmal fertig ist (hier sei angemerkt, dass das ACP dringend FPGA / VHDL Entwickler sucht) und der komplette Falcon integriert ist, dann haben wir hier vermutlich den schnellsten Atari Rechner aller Zeiten (von Aranym einmal abgesehen). Das Fehlen eines Lüfters erinnert auf jeden Fall wieder an alte Atari- ST Zeiten!

Für mich ist die Firebee die Neuerfindung des Homecomputers. Bleibt zu hoffen dass sie in absehbarer Zeit das Beta Stadium erreicht, denn dann habe ich tatsächlich Hoffnung dass sie sich als Nischensystem etablieren lassen könnte.

– Christian Hellmuth

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Erstellt am 25.Jul.2012 von johannes

Trackbacks/Pingbacks

  1. Nemesiz V3 Portal » Blog Archiv » Atari: Bericht über den Stand der Dinge bei der FireBee

9 Antworten

  1. Martin Holzwarth sagt:

    Hallo,

    sehr guter Artikel!

    Gruss Martin

  2. Dirk Paulsberg sagt:

    Nee, schon wieder ein Falcon-Flamer, war ja klar…

    🙂 😉 Quatsch!

    Natürlich, vielen Dank (!) Christian für Deinen sehr ausführlichen Bericht. Ich bin bin auch schon sehr auf „meine“ Firebee gespannt.

    Was meinst Du mit „PCI- Backplane“? Das Slotblech in einem Tower? Sorry, der Begriff ist mir nicht geläufig.

  3. Christian Hellmuth sagt:

    Hi Dirk,

    ein PCI-Backplane ist praktisch ein Adapter von PCI männlich (Firebee) auf PCI weiblich, wie Du sie vom PC her kennst. Die Firebee wird als Computer dann in dieses Backplane zusammen mit z.B: Graphikkarten gesteckt.

    VG,

    Chris

  4. Heinz Schmidt sagt:

    Moin, moin,

    sehr guter Artikel und eine schöne Zusammenfassung des aktuellen Standes. Vielen Dank!

    Gruß Heinz

  5. janatari sagt:

    Moin Moin,
    endlich mal jemand der Licht ins Dunkel bringt. 🙂
    Firebee ist bestellt !
    Gruß,
    Jan

  6. Rodney sagt:

    „Ich hatte keine Sekunde das Gefühl vor einem unfertigen Computer zu sitzen und das Atari-Gefühl ist immer noch da.“

    Also den Satz muß man sich auf der Zunge zergehen lassen! Die Kiste kann nicht drucken, hat keinen funktionierenden Tastaturtreiber und ist noch meilenweit von barrierefreiem Arbeiten auf niedrigstem Niveau entfernt, aber das macht alles nichts, Hauptsache sie fühlt sich wie ein echter Atari an. Na hoffentlich ist diese Krankheit nicht ansteckend!

  7. Götz sagt:

    „sehr langsam“ (SD-Card), „ordentlicher Geschwindigkeit“ (USB) — was heißt das in KB/s?

  8. Arthur sagt:

    Hallo Christian, eine wirklich schöne Zusammenfassung. Bin gerade am überlegen ob ich einen Falcon verkaufe und eine Firebee bestelle. Was m0n0 mit Netsurf geleistet hat ist große Klasse. Wenn Ebay und Banking läuft dann sollte javascript das Programm vollenden. Ich hoffe das die Firebee auf jeden Fall noch viele Abnehmer findet denn das wird bestimmt die Entwicklung fördern.

    Gruß Arthur

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